#savoir-vivre

Als in Kenia der Strom ausging

28. August 2016
Als in Kenia der Strom ausging

Unterwegs sein. Reisen. Das Gefühl, mitten drin zu stecken als nur aus der Distanz zuzuschauen. Ein Teil des grossen Ganzen zu sein. Bloss um diese stetige Neugier – welch eine Sucht! – zu stillen. Es ist der Versuch, die Ferne wahrzunehmen. Sehen, Riechen, Hören, Schmecken. Fühlen. Alle Sinnesorgane im Einklang. Damit die Ferne zur Nähe wird.

Das Unbekannte wird einem plötzlich klarer. Man folgt intuitiv dem Ruf der inneren Stimme und lernt sein Umfeld so wie sich selber täglich ein Stück besser kennen. Zeit aufzuhören, an Altem festzuhalten und dem Neuen Platz zu schaffen. Reisen ist das Vertrauen in die Lehre vom Leben im Moment, weil der Moment selbst vergänglich ist.

Augenblicke lassen sich nicht festhalten – jedoch die Gefühle, die wir zu jenem Zeitpunkt an jenem Ort gespürt haben. Die sind es, die wir wieder hochleben lassen, wenn wir ein Bild betrachten, uns erinnern oder darüber erzählen. Kleine Schätze, die in jedem von uns schlummern. Weil sie so individuell sind.

Doch Reisen tut auch weh. Weil Erlebnisse manchmal so schön sind, dass sie nie zu Ende gehen sollten. Weil man manchmal von den Eindrücken überrannt wird. Weil einem „Zuhause“ plötzlich fremd vorkommt und das Rückkehren beklemmt. Und weil man Menschen trifft, gemeinsam loszieht und dann trotzdem eine andere Ausfahrt nimmt.

Auf einmal – man kann es fast nicht verhindern – fehlt die Verbindung zu Zeit und Raum.  Wie kann man Realität und Fiktion unterscheiden? Genau irgendwo in diesem Zustand, kommen die Zweifel. Die Sehnsucht. Die Einsamkeit und Leere. Ist das wirklich, wonach du suchst?

Als in Kenia der Strom ausging, sass ich gerade in einem kleinen Bistro am nationalen Flughafen Nairobis. Es war kurz nach Mitternacht, dem 28. August. Dasselbe Datum, an welchem ich vor einem Jahr eine wichtige Entscheidung traf. Für einen Bruchteil einer Sekunde schien es, als läge die Welt still. Als wäre alle Bewegung und alle Kräfte unserer Gegenwart ausser Gang gesetzt. Und bevor sich die Ungewissheit weiter ausbreiten konnte, kam wieder Licht ins Dunkeln und zahlreiches Gelächter bracht aus. Im Bistro, am Gate nebenan, bei der dunkelhäutigen Kassierin, dem indisch sprechenden Passagier, bei der verschleierten Dame; ja selbst der zuvor noch griesgrämige Armeeoffizier konnte sich den Bauch vor Lachen nicht halten. Und da war es wieder. Dieses Gefühl von  „mittendrin zu sein.“

Und dann wurde mir eines bewusst. Nämlich dass das Leben einfach passiert.
Und wir stetig unterwegs sind. Unaufhaltsam.IMG_1937

22 Lebensjahre.
1 Schulabschluss.
1 Berufslehre.
1 Auswanderung.
1 Jahr Dubai.
40 bereiste Länder und mindestens doppelt so viele Städte.
156 Mal geflogen. Das sind 681’575km oder anders ausgedrückt 17 Weltumrundungen
915h in der Luft.

Meine Wurzeln liegen in der Schweiz und das wird sich nie ändern. Doch meine Äste langen hinaus in die Welt. Vielleicht weiss ich jetzt noch nicht genau wohin der Weg führt, doch solange ich weitergehe, kann ich nicht ganz verkehrt liegen.

Ein Jahr voller Höhepunkte und Turbulenzen liegt hinter mir. Und ich möchte keine Minute davon missen.

Denn ich glaube, am Ende bereuen wir nur die Chancen, die wir nicht genutzt haben. Die Beziehungen, auf die wir uns aus Angst vor Verletzungen nicht einliessen und die Entscheidungen, die wir zu spät trafen. Es wird der Moment kommen,  wo wir realisieren werden; Wer wird sind. Was zählt. Was nicht. Und wer es immer wird.

 

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2 Comments

  • Reply Debby 1. September 2016 at 17:44

    Liebe Jennifer,

    Ich weiss genau was du meinst, auch wenn ich natürlich keine 17 Weltumrundungen habe (bisschen neidisch bin ich schon ;-)).
    Momentan stecke ich in einer „Kisten- Welt“ und überlege mir, einfach einmal über den Tellerrand zu schauen und etwas zu wagen, um meine eigene Geschichte etwas spannender gestalten zu können. So à la: “ Better to have a life with „oh well`s“ than a life with „what if`s.“
    Aber ich denke, jeder sollte sich irgendwann einmal die Zeit nehmen sich hinzusetzen und sich über seinen Weg und was da alles gerade passiert Gedanken zu machen und eben einmal „mitten drin zu stecken“. Da ich in der Hotellerie arbeite, treffe ich auf viele Menschen die Ausgewandert sind, und sich in einer neuen Stadt ein neues Leben oder besser gesagt ein Zuhause aufbauen müssen/dürfen. Das ist für viele schwer, auch wenn wir hauptsächlich Leute aus den Nachbarländern haben, die uns eigentlich alle verstehen (wenn wir dann auch nicht zu schnell CH- Deutsch sprechen). 🙂
    Hattest du niemals Angst oder bedenken nach Dubai zu ziehen? Alle deine Freunde, Familie und das traute Heim hinter dir zu lassen? Was waren denn deine Ziele und Wünsche bevor du diesen Infoanlasss besucht hast und sich dein Leben um 180 Grad gewendet hat? Und was sind deine Ziele und Wünsche jetzt?

    Ich wünsche dir noch eine gute Zeit und freue mich auf deinen nächsten Beitrag!
    Liebe Grüsse Debby

    • Reply jennyr 27. September 2016 at 13:00

      Hallo Debby,
      Ich finde deine Einstellung super und ich denke, du bist durchaus auf dem richtigen Weg. Glaub mir, ich hatte anfänglich sehr viele Bedenken und die Anfangszeit in der neuen Umgebung war nicht leicht. Doch rückblickend gehörte dies alles zum Prozess des „Weiterentwicklen“. Und ich bin ganz fest der Überzeugung, dass das Leben einem die richtigen Impulse gibt, wann es Zeit ist für Veränderungen und dass man halt manchmal auch durch wenige angenehme Phasen muss um danach die positiven Seiten zu erleben. Ich wusste immer, dass ich nach meiner Ausbildung eine Auslandserfahrung haben möchte. Nicht in Form eines Sprachaufenthaltes sondern halt wirklich eine kleine Mini-Auswanderung. Ich kann mich erinnern, dass ein älterer und sehr gebilderter Herr meiner alten Firma einmal gemeint hat; „Die beste Zeit deines Lebens steht direkt vor dir. Nutze sie. Dass sind deine Lehr-und Wanderjahre.“ Ich fand das sehr inspirierend und seither besteht meine Lebensmotto vor allem daraus, mich jeden Tag wieder auf’s Neue inspieren zu lassen 🙂 Ich kann nicht sagen, wohin mein Weg führen wird. Aber ich weiss, das ich im Hier und Jetzt sehr glücklich bin. Ich glaube, das Wichtigste ist Vertrauen. Vertrauen in sich selbst und in das Leben. Das alles so kommt wie es kommen muss.
      Alles Liebe, Jennifer

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