Israel Naher & Mittlerer Osten

Die Nachtschwärmer vom Frühlingshügel

28. November 2016
Tel Aviv - Die Nachtschwärmer vom Fruelingshuegel

In der Dunkelheit erkennt man von uns nicht viel mehr als die Silhouetten. Zigarettenrauch und der Duft von modrigem altem Mobiliar fahren mir durch die Nase. Gleich neben uns verschwinden zwei junge Frauen und ein Typ zusammen auf dem Klo. Zwischen ihren Fingern steckt ein selbst gedrehter Joint.  Um uns herum tanzt die junge Schar zu betäubenden Klängen der Lautsprecherboxen. Wir beobachten die Szene um uns noch eine Weile, bis wir uns wieder unser eigenen kleinen Welt widmen. Es mag sein, dass dieser Abend unser letzter gemeinsamer sein wird.

Ich bin in guter Gesellschaft. Nitzan bestellt für alle noch eine Runde Arak und der Barkeeper stellt vor uns sieben kleine Schnapsgläser auf. Es ist Adrian’s 32. Geburtstag und daher ein Grund  (oder eine Ausrede) mehr um gemeinsam anzustossen. Einem israelischen Sprichwort zufolge wird in Haifa gearbeitet und in Jerusalem gebetet. Und in Tel Aviv? Da wird getanzt.

Doch bloss mittels Tanzen wäre diese pulsierende Grossstadt wohl nicht zu dem geworden was sie heute ist. Im Jahr 1909 versammeln sich rund ein Dutzend Familien auf den Sanddünen entlang des Strandes, um jene Parzellen untereinander aufzuteilen, aus welchen das spätere Tel Aviv entsteht. Heute ist die «weisse Stadt», wie sie auch gerne genannt wird, ein Touristenmagnet und Wirtschaftszentrum Israels. Doch noch viel interessanter als die Entstehungsgeschichte selbst sind die Menschen, die sich hier niedergelassen haben.

Mit Stil und Charakter

Ein Israeli oder eine Israelin lassen sich nicht stereotypisieren. Mal hat sie braune Augen und einen dunklen Teint. Mal hat er feine Gesichtszüge und eine zierliche Statur. Manchmal umgekehrt. Oder ganz anders.  Doch eines haben sie alle gemeinsam; Ausdruck. Sei es in ihrer Wortwahl oder in der Art ihrer Erscheinung. Jung, urban und selbstbewusst. Die Frau von Tel Aviv trägt purpuroten Lippenstift und Tattoos auf den Armen; der Mann ein Flanellhemd und Undercut. Der ständige Begleiter dieser jungen Population; ein Klapprad in der Grösse eines Kindervelos.

Nach so vielen Getränken muss auch ich einmal für kleine Mädchen. Die Bar, in der wir uns befinden, erinnert mich ein wenig an eine geheime Hausparty in einem Wohnzimmer. Name? Unbekannt und nebensächlich. Vor ein paar Stunden haben wir uns noch die Seelen im hippen Kuli Alma aus dem Leib getanzt. Danach für eine paar Minuten einen Abstecher in den Breakfast Club gemacht und anschliessend das Areal vom Teder.fm unsicher gemacht. Alle Lokale liegen irgendwo hinter Schranken, grossen eisernen Türen oder zwischen alten Lagerhäusern. Die Art von Nightlife, die hier in Tel Aviv geschieht.

Tel Aviv ist nicht nur eine Stadt. Tel Aviv ist eine Lebensart. Ungestüm und frei.

Tel Aviv mag auf den ersten Blick nicht als besonders «schön» erscheinen. Luxus, architektonische Meisterwerke oder eine beeindruckende Skyline findet man hier weniger. Erst wer «hinter die Fassade»  blickt erkennt die wahre Schönheit und die Energie der Stadt. Lebensart in Tel Aviv bedeutet, am Freitag durch den Carmel Markt zu schlendern, Yuppie Gespräche zu führen und über den Kilopreis von Tomaten zu verhandeln. Es bedeutet, sich am Sabbat den Dingen und den Personen zu widmen, die einem am Herzen liegen. Es bedeutet simpel; das Lieben des Lebens und das Leben der bedingungslosen Liebe. Heterosexuelle Partnerschaften sind hier genauso anerkannt wie homosexuelle. Jährlich steigt in Tel Aviv die grösste Gay Pride der Welt. Ungestüm und frei.

Tel Aviv - Die Nachtschwärmer des Fruehlingshuegel

Die Strandpromenade Tel Avivs

Tel Aviv - die Nachtschwärmer vom Fruehlingshuegel

Tel Aviv am Sabbat

Im Dienste des Landes

Je später der Abend, desto tiefgründiger werden unsere Gespräche. Mittlerweile sind die Gläser vor uns etwas grösser. Gefüllt mit Mineralwasser. Wir philosophieren über die Lehre des Reisen und die fernen Ziele dieses Planeten.

Omer wirkt etwas nachdenklich. Darauf angesprochen erzählt er mir von seiner Zeit in der Armee. In Israel gilt für Männer drei Jahre und für Frauen 21 Monate obligatorische Wehrpflicht. Nur israelische Araber und Orthodoxe sind von ihr befreit, ihnen ist ein freiwilliger Dienst möglich. Die Verweigerung des Militärdienstes zieht oft ein langwieriger Prozess mit sich und wir innerhalb der Gesellschaft oft verpönt.

Aus Omers drei Jahren bei der Armee wurden sechs. Keine Seltenheit.  Denn für viele ist es eine Bürgerpflicht und ein wichtiger Karriereschritt zugleich. Wie für zahlreiche andere Israelis hat auch für Omer die Erfahrung und seine Funktion beim Militär die Türen für seinen jetzigen Job bei einem internationalen Hard- und Softwarehersteller geöffnet.

Es gilt daher innerhalb der israelischen Kultur schon fast als selbstverständlich, sich nach dem Wehrdienst eine Auszeit zu gönnen und für ein paar Monate durch Südamerika oder Indien zu reisen. «Weisst du, es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich das Gefühl hatte, wirklich zu leben. So ganz im Hier und Jetzt zu sein. Ich vermisse das Reisen», meint Omer mit gedämpfter Stimme.

Nachtschwärmerei zu später Stunde

Ja, wir alle vermissen es. Schon Kurt Tucholsky hatte etwas melancholisch gesagt:«Reisen ist die Sehnsucht nach dem Leben» Doch ich glaube, für im Hier und Jetzt zu leben braucht man nicht zwingend auf Reisen zu sein. Viel mehr sich dessen bewusst zu sein, was man hat und wo man steht. Und ich liebe es! Meine Güte, ja ich liebe es, morgens um halb vier in dieser namenlosen Bar zu sitzen und nach einer langen Nacht Mineralwasser zu schlürfen.

Tel Aviv hat mich irgendwie berührt. Mit Tel Aviv verbinde ich eine unauffällige Stadt am Rande des mittleren Ostens. Bewohnt von jungen Träumern, Individualisten und Pionieren.

Ja, es mag sein, dass dieser Abend mit meinen vier Israelis, einem Münchner und dem bulgarischen Geburtstagskind der letzte dieser Art sein wird. Viel wahrscheinlicher ist hingegen, dass morgen früh der Kater grüssen lässt.

Tel Aviv - Die Nachtschwärmer vom Fruehlingshuegel

Ein Tag in Jerusalem – fühlt sich an, als würde Geschichte zum Leben erwachen

Tel Aviv – #behindthetrip


Reisezeit: November 2016 | Reiseart: WochenendAUSFLUG 😉 | Reisedauer: 2.5 Tage
Reiseroute: Tel Aviv & 1 Tag Jerusalem, Israel

Unterkünfte

Abrahamhostels, Tel Aviv
Das wohl bekannteste und meistbesuchte Hostel direkt im Stadtzentrum und in der Nähe des Rothschild Boulevards, wo viele Cafés und Ausgehlokale angesiedelt sind. Das Hostel selbst bietet viele Ausflüge und Aktivitäten an. 4-er Dorms mit eigenem Bad: ca. 25 CHF | pro Nacht

Ein-und Ausreise

Bei der Einreise erhalten Schweizer und viele EU-Staatsbürger ein Visum on arrival in Form einer Einreisekarte. Einen Stempel in den Pass gibt es nicht. Der Flughafen Israels gilt als einer der sichersten der Welt. Damit dies gewährleistet wird, gibt es eine Menge Checkpoints, die für den Besucher Tel Avivs zu einem langwierigen Ein- und Ausreiseprozess führen kann. Das Zauberwort heisst hier: Geduld. Das Personal ist freundlich solange man selbst höflich bleibt und kooperiert. Schliesslich machen die auch nur ihren Job. Beispielsweise wird bereits vor dem Check-in eine Art individuelles Sicherheitsinterview durchgeführt. Dir werden Fragen zu deinen letzten Reisen anhand deiner Stempel im Pass gestellt. Bei der späteren Sicherheitskontrolle kann es gut sein, dass du in einem separaten Raum ein Bodyscreening durchlaufen musst und dein Handgepäck bis ins kleinste Detail geprüft wird. Wie bereits gesagt, einfach Ruhe bewahren 😉

Budget & Preise

Tel Aviv zählt zu einer der teuersten Städte der Welt. Eine Flasche Wasser kostet im Supermarkt ca. 2 CHF, der Transport mit Taxi vom Flughafen zum Stadtzentrum ca. 40 CHF. Der Eintritt in die Bars und Clubs ist meist kostenlos. Eine gute Transportalternative ist übrigens der Scherut Service. Eine Art Kollektivtaxi, der im ganzen Land verkehrt. Die Haltestelle für das Scherut in Tel Aviv liegt direkt nebem dem Hauptbahnhof. Die Fahrt von Tel Aviv nach Jerusalem beträgt weniger als 10 CHF. Das Scherut hat jedoch keine genauen Abfahrtszeiten und hier gilt; first come first serve.

Lerne Tel Aviv kennen

Wer etwas mehr über die Geschichte Tel Aviv-Jaffas erfahren möchte, dem empfehle ich die kostenlose Stadtführung von neweuropetours, welche ungefähr zwei Stunden dauert und beim alten Clock Tower in Jaffa beginnt. Hier erfährst du mehr: Link

Insidertipp

Sabbat ist im Judentum der Ruhetag der Woche. Weitgehend alle Geschäfte und Märkte sind geschlossen. Öffentliche Transportmittel verkehren an diesem Tag nicht. Beachte diesen Tag in deiner Reiseplanung.

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