Fliegen

Hallo, ich bin der Supy.

7. November 2015

Sichtlich nervös wackel ich auf dem schwarzen Klappsitz vor dem Crewgate hin und her. Habe ich auch alle wichtigen Dokumente dabei? Wie lautet nochmal der Preflight Check für den Rauchmelder? Mist, ich habe den Notizzettel mit den Namen der Crew im Bad liegen lassen. Nicht verwunderlich bei dem Chaos, das zu Hause herrscht. In 5 Minuten kann ich einchecken – für meinen ersten Supy Flug nach Düsseldorf, äh Bangkok.

Änderungen vorbehalten

Ich hatte mich ja akribisch auf diesen Tag vorbereitet; Die Namen meiner Seniors eingeprägt, den Ablauf mental durchgespielt und die Menukarte studiert. Mein erster Flug sollte mich nach Düsseldorf führen. Das zeigte zumindest mein Flugplan seit einem Monat. Ich freute mich schon auf den Duft des Herbstes und den Spaziergang entlang des  Düsseldorfer Hafens. Natürlich war auch mein Koffer bereits wetterentsprechend gepackt.

Nun, der Grund, warum ich jetzt dann gleich für Flug EK372 nach Bangkok einchecke liegt ganz einfach darin, dass ich gestern spät abends ein Anruf erhielt. Mein Flug sei geändert worden. Vom Herbstduft also zu einem Mix aus Jasmin Räucherstäbchen und gegrilltem Hähnchen auf Palmenblättern. Ein früherer Arbeitskollege hat mich einmal gelehrt, dass Planung gut ist aber immer falsch. Einmal mehr muss ich ihm dafür Recht geben. Viel Zeit um mich auf meine neue Flugroute vorzubereiten blieb mir wahrlich nicht. Doch etwas habe ich mir geschworen – bei der nächsten Gelegenheit werde ich meinen Kleiderschrank nach zwei Themen separieren. Winterkleider rechts, Sommerkleider links. Dies kommt nicht nur der generellen Ordnung in meinem Reich der Textilien zu Gute, sondern spart bei der nächsten Flugänderung dieser Art auch viel Zeit durch mühsames Zusammensuchen von der neuen Garderobe.

Hi, my name is Jennifer and this is my first Supy flight

«Ohhh…» erklingt es gleichzeitig aus der Runde während der Vorstellungsrunde im Briefing. Alle Blicke auf mich gerichtet. Als neues Crewmitglied ist jeweils der erste Flug auf einem Flugzeugtyp ein sogenannter Supy Flug. Man hat noch keine zugeteilte Position sondern nimmt die Beobachterrolle ein. Ziel ist es, die neue Arbeitsumgebung kennenzulernen und sich mit den Tätigkeiten vertraut zu machen. Als Supy hat man folglich ein bisschen den Welpenschutz und ist bei den anderen Crewmitgliedern ein gern gesehener Gast. Nicht selten ist man bei der Flightcrew auch die Zielscheibe für den ein oder anderen Witz. Zum Beispiel wurde meine Mitbewohnerin auf ihrem Supy Flug gebeten, die Zündschlüssel für den Airbus A380 beim Purser abzuholen und diese dem Captain zu überreichen. Täuschend echt zeigte dieser sich dann enttäuscht, als sie die geforderten Schlüssel nicht dabei hatte. Er setzte dem ganzen noch einen drauf, als er ihr mitteilte, dass er das Flugzeug nun auf mühsame Weise manuell starten müsse und dies den Abflug verzögere. Erst nach sechseinhalb Stunden Flugzeit und einem Heineken in einem Biergarten in Holland wurden meine Mitbewohnerin von ihrem schlechten Gewissen erlöst und kapierte, dass sich der Captain einen Scherz mit ihr erlaubt hat.

Bangkok - Hallo, ich bin der Supy.

Auf Wolkenhöhe

Mittlerweile ist es kurz vor 8Uhr morgens und der Airbus A380 rollt langsam und kontrolliert auf die Startbahn zu. Zusammen mit Laura – ebenfalls Supy – sitze ich angeschnallt direkt hinter dem Captain und dem First Officer  auf dem Jumpseat im Cockpit. Ein weiteres Privileg, dass man als Supy geniessen darf. Fasziniert blicke auf die vielen Knöpfe und Schalter und muss enttäuschend feststellen, dass ein Steuerknüppel fehlt. «Alles ziemlich Hightech hier», denke ich mir und konzentriere mich auf die vielen Stimmen aus meinem Headset. Bezüglich diesen wäre die Redewendung «Nur Bahnhof verstehen» sogar übertrieben. Keine Ahnung wie es die Jungs schaffen, im Wirrwarr aus phonetischen Alphabet und Zahlencodes die richtigen Instruktionen zu verstehen.

PA: «Cabin Crew prepare for take-off». Der Start steht nun also unmittelbar bevor. Wir beschleunigen und bevor ich überhaupt realisieren kann, was gerade vorgeht, hebt der riesige Vogel mit 488 Passagieren und 26 Crewmitgliedern an Bord ab. Es gab selten Momente in meinem Leben, in denen ich komplett sprachlos war. Doch dieser ist definitiv einer davon. Vor mir verwandelt sich die Skyline Dubais nach und nach in eine Miniature Version. Der Burj Khalifa, das grösste Gebäude der Welt, scheint zum Greifen nah. Zu meiner Linken kann ich deutlich die künstlich angelegte Palmeninsel Jumeirah sehen. Ob Roger Federer wohl gerade in seiner Residence weilt? Zweifellos haben meine beiden Kollegen vor mir den schönsten Arbeitsplatz überhaupt. Ich jedenfalls möchte meinen Jumpseat in diesem Moment mit keinem Bürostuhl der Welt tauschen. Immer noch total überwältigt von Glücksgefühlen merke ich gar nicht, dass die Crew in der Kabine bereits von ihren Sitzen aufgestanden ist und den ersten Service vorbereitet. Wehmütig verabschiede ich mich von diesem atemberaubenden Ausblick und mache mich auf den Weg zum anderen Ende des Vogels. Schliesslich bin ich ja zum Arbeiten hier.

24h in Bangkok

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3 Comments

  • Reply Lucia WAB 2 18. November 2015 at 11:08

    Hey Jenny
    Ich freue mich jedesmal diini Gschichtä z läsä. Dui chenntsch grad so guet Autorin oder Journalistin sii 😀
    Wie ich ghere isches zwar streng aber es gfallt dier!? Ich mags dier gönne dasses dier det guet gaht! Bi denBilder und Texte packt mich mengisch oi grad ds Fernweh 😉 Ich winschder jedefalls alles gueti i diine Flüg, machs guet und vielleicht bis bald.
    Griässli us de Schwiiz.
    Lucia

    • Reply jennyr 20. November 2015 at 20:09

      Hoi Lucia, das esch den en öberraschig. Freut mi rüüdig, dich als Leserin dörfe zähle:) Hihi, ja das metem Fernweh chani guet nahvollzie. Aber glaubmer, wemer uswerts wohnt, den esches genau umgekehrt. De packt eim mängisch weder s Heimweh;) Hebs guet & la mich la wüsse, wenn mol uf oder öber Dubai flügsch:))

  • Reply Savoir-vivre in Nizza - 20. November 2015 at 21:17

    […] ist der sogenannte Pikett- oder Bereitschaftdienst. Und genau dieser wurde mir nach meinem zweiten Supyflight nach Amman zugeteilt. Ziemlich spannend, denn schliesslich wusste ich, dass im Falle eines […]

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