Nord & Südamerika Texas

Houston, wir haben (k)ein Problem

11. Juli 2016
Houston wir haben (k)ein Problem

Houston. Kurz vor Fünf. Rush Hour an einer Kreuzung. «U-Turn on green arrow only», steht in schwarzer Fettschrift auf einem weissen Schild zwischen den Lichtsignalen. Nadine fährt. Der vermeintliche grüne Pfeil; rot. Eine Farbenblindheit lässt sich ausschliessen. Analphabetismus ebenfalls. Auftretende Ungeduld unsererseits hat wohl viel mehr zu diesem kleinen Verkehrverstoss geführt. Das Blaulicht des hinter uns fahrenden Streifenwagen ist dann auch kaum zu überhören. «Das nennt man dann wohl Karma.»

Texas, Baby!

Seit ich im Besitz des C1 US-Visas für Crewmitglieder bin, scheint das Rosteringteam nicht mehr auf mich verzichten zu wollen und schickt mich seither ein bis zweimal im Monat in die Vereinigten Staaten. Houston in Texas stand diesmal auf dem Flugplan. Dazu noch mit einem ungewohnt langen Layover von sage und schreibe 50 Stunden. (Klar, da kann sich die Stewardess der 50er nur die Augen reiben vor Lachen – galten doch zwei Tage Aufenthalt bereits für eine Mittelstrecke als Standard).

Houston wir haben (k)ein Problem

Blick aus dem Hotelzimmer – Houston, ich komme!

Houston wir haben (k)ein Problem

Houston, irgendwie so bescheiden

Die 50 Stunden sollten also weise genutzt werden. Ich dachte dabei an einen Roadtrip. Überraschenderweise  fanden sich schnell zwei Gleichgesinnte aus der Crew, die bereit waren, ein Auto zu mieten und die Umgebung auf eigene Faust zu erkunden. George aus Ägypten und die Südafrikanerin Nadine, welche den internationalen Führerausweis mit dabei hatte und somit auch als einzige Fahrerin in Frage kam. Einem abenteuerlichen Roadtrip stand also nichts im Wege. Einzige Bedingung seitens George; er wollte am Ende des Tages unbedingt für den Lebensmitteleinkauf noch in das nahegelegene Einkaufszentrum La Galleria. (#justcrewthings…)

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Zuerst geht’s Richtung Downtown

 

Wo ist Walker, der Texas Ranger? 

Texas. Da denkt man sogleich an wehrhafte Cowboys, Prärien und vorbei rollende Steppenläufer. Doch schon nach den ersten Kilometern ausserhalb des Stadtzentrums musste ich feststellen, dass die Vorstellung von Westernromantik wohl doch eher nur eine Erfindung Hollywoods ist. Houston erlangte seine Popularität vor allem durch seine Öl- und Energieindustrie. Auf der Interstate 45 liessen sich demzufolge komplexe Rohrleitungssysteme, dampfende Tankanlagen und riesige Glaskuppeln namhafter Raffinerien bestaunen. «Diese metalligen Kuppeln sehen aus wie das Gebäude der NASA.  Ich bin mir sicher, insgeheim planen die etwas!», so Nadines trockener Kommentar zur eintönigen «Landschaftskulisse».

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Irgendwie auf eine andere Art faszinierend

Auf den Spuren der Navy

Ganz ziellos fuhren wir dann doch nicht durch die Gegend, sondern liessen uns von unseren Navigationsgerät inspirieren, welches uns das USS Texas Museum im kleinen Vorort La Porte vorschlug. Ich, sonst nicht der grösste Fan von Museen, war gegen Ende sichtlich angetan von diesem Schlachtschiff, welches zwei Weltkriege überstanden hat und heute als schwimmendes Stück Geschichte von innen wie aussen bestaunt werden kann.

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Die USS Texas – ein Kriegsschiff aus vergangenen Zeiten

Das war zum Schiessen

Mit seinem mediterranen Klima war es an diesem Tag brütend heiss im texanischen Staat. Auf der Suche nach etwas Abkühlung entschieden wir uns für eine Indoor-Aktivität. Ein paar Crewmitglieder hatten uns zum vornherein die Top Gun Range empfohlen, wo man sich an einem professionellen Schiessstand als Jungschützen selbst versuchen kann.

«Schiessen ist wie Seiltanz», meinte unser Instruktor zu Beginn. «Man muss sich enorm konzentrieren und sich selbst in Fokus bringen.» Seiltanz. Konzentration. Na toll, ich wo nicht mal beim Dartspiel besonders gut bin.

Jeder von uns erhielt ein Magazin mit 15 Schüssen und ein Zielobjekt. Sozusagen in maskierter Gangster auf einem weissen A0 Plakat. Ich war schockiert, als mir George erzählte, dass in Texas theoretisch jeder, welcher in Besitz einer Waffenlizenz ist, eine Handfeuerwaffe offen mit sich tragen kann. So das neue Waffengesetz. Als ich dann auch noch die ältere Dame neben mir beobachte, wie sie bestimmt und zielgenau Schuss für Schuss aus ihrer 4mm Pistole feuerte, wurde mir dann doch etwas faul im Magen. Der ganze Spass für je 35 Dollar dauerte dann auch nur knappe 20 Minuten.

Als Liberale bin ich durchaus für alles offen. Jederzeit bereit, Neues zu lernen und neue Denkweisen zu übernehmen. Doch von dieser Erfahrung ist nun wirklich nicht viel hängen geblieben. Ausser vielleicht das zerlöcherte Gangsterplakat als Andenken. Und der Gedanke, dass die ältere Dame vom Schiessstand durchaus auch die nette Fleischverkäuferin aus der Metzgersabteilung hätte sein können. Und mit der will man dann wirklich nicht spassen…

 

Ayy Caramba, her mit den Gewürzen!

Eine ganz tolle kulinarische Erfahrung hingegen war der Stop beim Mexikaner. Die geografische Nähe zum Nachbarland Mexiko spürt man in Texas besonders durch die Küche. Tex-Mex ist ein eigens aus den USA stammender Begriff für den Kochstil, der sich aus beiden Regionen zusammensetzt. Charakteristisch für diese Küche ist vor allem der Einsatz von Chilis und scharfen Gewürzen, Fleisch und Bohnen. Die Portionen dabei, wie für die Staaten üblich, gross und mastig. Als Guacomole-Skeptiker konnte mich der Küchenchef mit seiner Eigenkreation ganz von sich und seinen Kochkünsten überzeugen. Wofür nach Mexiko,wenn es Tex-Mex in Houston gibt?

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Wem da nicht das Wasser im Mund zusammenläuft…

 

Das letzte Ziel unseres Roadtrips war dann der Strand in Galvestone. Wofür Strand schon fast übertrieben klingt und die Wasserbrühe des Meeres eher an das Ergebnis einer ausgelaufenen Kläranlage erinnerte.

Houston wir haben (k)ein Problem

Immerhin die Kids scheinen sich an der braunen Brühe keineswegs zu stören

Houston, wir haben (k)ein Problem

«Das nennt man dann wohl Karma», meinte Nadine, als wir den Streifenwagen im Rückspiegel erspähten. «Oder anderst ausgedrückt die Retourkutsche für widerrechtliches überqueren der einen oder anderen Sicherheitslinie, Schneckentempo auf der linken Spur oder Geisterfahrens auf der Gegenfahrbahn» , denke ich mir.

Gut, für letzteres muss ich an dieser Stelle meine Kollegin entschuldigen. Als Südafrikanerin ist man sich an das  Steuer auf der rechten Seite gewöhnt. Da kann es schon vorkommen, dass man sich mit der korrekten Fahrseite ab und zu etwas versieht. Und ausserdem ist der Verkehr in Südafrika auch viel lockerer.

Alles in allem war der Tagesausflug doch ein voller Erfolg. Und ich finde, Nadine als Fahrerin und ich als Kommentator zum Navigationsgerät haben sich ganz tapfer geschlagen. Ganz im Gegensatz zu George, welcher während der Fahrt vorwiegend seinen Jetlag auskurierte.

Houston wir haben (k)ein Problem

 

Wir hielten rechts an und waren bereit, dem Cop unsere Dokumente zu zeigen. Der hingegen schien wenig interessiert an diesen und meinte bloss: «Guys, just be careful. That was a quite dangerous maneuver and last week, we just had an accident at the exact same spot. Have a safe trip!»

«Houston, we have a problem!»Dieser berühmte Satz aus der Raumfahrtgeschichte muss in Bezug auf diese Stadt eindeutig abgeändert werden. Ich glaube, nach diesem Tag und speziell dieser Szene habe ich den texanischen und tief amerikanisch geprägten Lebensstil verstanden und erlebt.

Houston – #Inspirieremich

Gut gelandet

Houston verfügt über derzeit drei Flughäfen. Der grösste und auch internationale Flughafen des Staates ist der George Bush Intercontinental Airport (IAH) und liegt ungefähr 45min vom Stadtzentrum.

Gegessen

Probier TexMex! Ein Mix aus der Südstaaten-und Mexikanischen Küche. Ganz bestimmt nicht enttäuscht wirst du in Pappasito’s Cantina!

Geschossen

Wem 34 Dollar für 12 Minuten Schiessspass wert sind. Immerhin die bekannteste in der Stadt -> Top Gun Range 

Gesichtet

Echt faszinierend und einen Besuch wert ist das USS Texas Kriegsschiff. Zu finden unter Battleship Texas State.
Der Eintritt kostet 10$.

Geheimtipp

Wer auf der Suche nach echten und qualitativen Cowboystiefeln ist, findet diese womöglich in Cavender’s. Ein kleiner Abstecher in den Store lohnt sich rein schon vom Ambiente her. Hier trifft man die Cowboys und Cowgirls von heute 😉

 

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3 Comments

  • Reply Annika 13. Juli 2016 at 20:51

    Toller Beitrag! Weiter so. Houston hat mir damals auch mega gefallen. LG, Annika

  • Reply debby 15. Juli 2016 at 4:28

    Toller Beitrag! Fühlt sich beinahe so an, als wäre man selbst in Houston gewesen!^^
    Wie weit zuvor weisst du denn, an welchen Flecken der Erde du in der Woche bist?
    Und wie ist das bei Layover, wird euch dass irgendwie entschädigt, bzw. stehen Euch dann trotzdem noch zwei Freitage zu Hause zu? Ooh, ich hätte noch 1000 Fragen, ich finde deinen Beruf so unglaublich spannend. Ich freue mich, dass ich deinen Blog gefunden habe. Und noch mehr freut es mich, dass du ihn mit so viel Liebe und sehr professionell führst!
    Daumen hoch 🙂

    • Reply jennyr 15. Juli 2016 at 17:39

      Liebe Debby, vielen Dank für deinen Kommentar. Es freut mich immer wieder von dir zu lesen 😉 Ich erhalte meinen Flugplan jeweils am Ende des Monats für den nächsten Monat. Das ist dann immer ein wenig wie ein „Kalendertürchen“ öffnen, weil man ja mega gespannt ist, ob eine neue Destination dabei ist. Ich habe tatsächlich ganz viele „Freitage“ in Dubai, sogenannte Day Off und Resttime. Ich habe so oder so geplant, in Zukunft noch etwas mehr über den Alltag als Vielfliegerin zu berichten. Bis bald, Jenny

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