#Gedankenspiel #savoir-vivre

Jennifer, 23; «Selbstkritiker zu laut – kann man ihn leiser stellen?»

17. Mai 2017
ademerci

 «Ich habe sie. Andere meinesgleichen haben sie manchmal auch. Sie kommt und sie geht.  «Es ist nur eine Phase» , dachte ich zunächst. Doch die Phase hält nun schon ganze vier Monate an. Es ist die anfängliche Euphorie, wenn man Stift und Block in den Händen hält. Es ist die Ernüchterung die  folgt, wenn das Papier weiss bleibt.  Als wäre da dieses Etwas, dass mich davon zurückhält, das auszudrücken, was ich schreiben möchte. Ja, ich habe sie. Eine Schreibblockade. Doch ich bin mir sicher,  dass der Ursprung des Übels ganz wo anders liegt.»

 

Liebe Jennifer,

In uns allen schlummert Kreativität. Einige verleihen ihr Ausdruck über Pinsel und Leinwand oder verlieren sich in den Klängen der Musik. Andere sind erfinderisch oder verschaffen ihrer Kreativität Gehör durch nachdenkliche Reden, ausdrucksstarke Fotos oder mitreissende Filme. Und wiederum andere Schreiben. Egal welcher Form der Kreativität wir uns hingeben;  sie kennt diesen einen Antagonisten. Den Selbstkritiker.

Kritik hat durchaus ihre positive Eigenschaften. Nämlich dann,  wenn sie berechtigt ist und fair kommuniziert wird. In diesem Fall ist sie eine Chance zur Veränderung und zum Wachstum. Das Hinterfragen unser Entscheidungen und Handlungen hilft uns dabei, unsere Segel neu zu richten oder bestärkt uns darin, Kurs zu halten.

Egal in welcher Lebenssituation wir stecken – ob gewollt oder ungewollt – der Selbstkritiker ist immer präsent. Er ist eine innere Stimme. Ein Teil von uns. Bloss an manchen Tagen macht er sich lauter bemerkbar als an anderen. Und er ist launisch.

Der Selbstkritiker hat diese ungeahnte Fähigkeit, mit seinen wechselnden und gar beklagenswerten Stimmungen unser Selbstwertgefühl ziemlich zu knicken. Wir fangen damit an, ständig an uns zu zweifeln. Werfen Ideen über Bord, bevor wir sie in die Tat umgesetzt haben. Vergleichen unser Tun mit anderen. Unsere Persönlichkeit und all unsere Güte erscheint auf einmal minderwertig.

Doch obwohl wir dazu neigen, ständig alles zu hinterfragen, hinterfragen wir nie unseren Kritiker. Argumentieren steht ausser Acht. Wir geben dieser inneren Stimme alle Macht über uns zu urteilen.

Seit ein paar Monaten findest du auf der Suche nach Inspiration nur Frustration. Du lest Texte von anderen Autoren und empfindest diese immer als spannender. Deren Wortwahl raffinierter. Die Schreibweise ungezwungener.

Du zweifelst an deinen Werken, deinen Entscheidungen und letztlich an deiner Person.

Du bist an dem Punkt, an welchem Redner verstummen, Musiker ihre Gitarre ablegen und Autoren Block und Stifte zur Seite legen.

In anderen Worten; Du bist an dem Punkt, an welchem der Selbstkritiker so viel Druck auf dich ausübt, dass du das Gefühl hast, dass du nichts oder niemanden mehr gerecht werden kannst.

Du gibst nicht nur die Dinge auf, die dir Freude bereiten sondern auch dich selbst als Person.

Doch erinnerst du dich? Der Selbstkritiker ist da. Egal in welcher Lebenssituation wir stecken.
Es kommt bloss drauf an, wieviel Aufmerksamkeit wir ihm geben. Wie stark wir hinhören.

Es macht nämlich durchaus einen Unterschied, ob wir den Aussagen unserer Selbstkritikers gewissenhaft zuhören oder nur die  niederschmetternde Worte hören. Wenn wir anfangen, genau hinzuhören, werden wir automatisch die Behauptungen hinterfragen. Und vielleicht nicht mehr alles so ernst sehen.

Schreibe, weil du einigen Aussagen deines Selbstkritikers nicht mehr länger zustimmst. Weil Schreiben dir Freude bereitet. Weil es die Art ist, deine Kreativität auszuleben.

Weil «kreativ sein»  wahre Inspiration ist. Und weil Kreativität an sich kein Gut oder Schlecht kennt.

In Liebe,

signature_ademerci

 

 

 

 

 

You Might Also Like

2 Comments

  • Reply Hans Peter 17. Mai 2017 at 17:47

    Hallo Jennifer ich unterschreibe dir jedes Wort. Selbstkritisch zu sein ist an und für sich eine gute Eigenschaft, sofern es nicht selbszerstörischer wirkt. Da spricht die Lebenserfahrung aus mir. Schreib dir die Selbstkritik von der Seele. Ich freu mich auf deine Zeilen. Sie sind für mich das Tor in eine andere Welt, die ich so nie betreten werde. Dafür danke ich dir.
    Herzlichen Gruss
    Hans Peter (seit dem 01.05.17 Pensionist) 🙂

    • Reply jennyr 17. Mai 2017 at 22:44

      Hallo Hans Peter, deine Worte bedeuten mir sehr viel! Bin gerade an einer Party. Mit einem Glas Wein in der Hand stossen wir doch an – auf das Leben und deinen wohlverdienten Ruhestand 🙂

    Kommentar verfassen

    %d Bloggern gefällt das: