Leben retten mit den Bee Gees – Medizin im Ohr

18. Oktober 2015

«Du brauchst prinzipiell nur zwei Dinge, um möglicherweise Leben zu retten; Die Bereitschaft, den Brustkorb einer Person mehrere Zentimeter einzudrücken und den Beat des Disco Hits „Stayin‘ Alive“ im Ohr.»

Seit immer mehr Leute in grösseren Flugzeugen und auf längeren Distanzen reisen, ist das Risiko von medizinischen Notfällen an Bord und somit auch von Notfallandungen rapid gestiegen. Wird im Flugzeug aus einem Passagier ein Patient, ist zuerst das Ersthelferwissen der Cabin Crew gefragt. Und das ist weitaus grösser als angenommen. Schliesslich kann an Bord so ziemlich jedes Szenario eintreten. Die Rede ist von leichtem Unwohlsein über Verbrennungen und Verletzungen bis hin zu schwerwiegenden medizinischen Notfällen wie zum Beispiel ein anaphylaktischer Schock oder ein Herzinfarkt.

Medizin – eine Fachsprache für sich


«Ich möchte vier Liter Medusin kaufen», sagte Pippi.
«Etwas, was gut ist gegen Keuchhusten und schlimme Füsse
und Bauchschmerzen und Windpocken und wenn man sich eine Erbse in die Nase gebohrt hat. Es wäre gut, wenn man auch Möbel damit polieren könnte.»

Ich kann mich erinnern, dass mit diesen Worten Pippi Langstrumpf den Apotheker nahe an die Verzweiflung bringt. Auch ich stehe am zweiten Tag des Moduls GMT (General Medical Training) beinahe am Rande der Verzweiflung. All diese Mittelchen welche wir an Bord mitführen – mit ihren lateinischen Begriffen, Wirkungen und Einsatzgebiete- sie wollen einfach nicht in meinen Kopf. Die Fachsprache der Medizin war für mich sowieso bislang ein unberührtes Terrain. Ich kannte gerade Aspirin als Allwundermittel und vertraute den guten Ratschlägen meiner Mutter und jenen meines Hausarztes. Doch da ist nun unser Trainer Ihad aus Libanon, welcher uns lehrt, dass Aspirin nur im Falle eines angenommen Herzinfarktes zum Einsatz kommt?! Ich bin verwirrt. Doch Ihad muss es wissen; schliesslich hat er 17 Jahre dem libanesischem roten Kreuz als Rettungssanitäter gedient und hat verwundete Soldaten während des Krieges versorgt, bevor er für den Beruf über den Wolken vor rund 10 Jahren nach Dubai kam.

Leben retten mit den Bee Gees - Medizin im Ohr

Das richtige Werkzeug zur Hand

Leben retten mit den Bee Gees - Medizin im Ohr

CPR soll geübt sein

Leben retten mit den Bee Gees - Medizin im Ohr

Geburt an Bord

Leben retten mit den Bee Gees - Medizin im Ohr

Die Helfer in Not

 

Ein smartes Gerät

Als Crew leisten wir erste Hilfe. Anhand von Symptomen können wir jedoch nur annehmen, an was der Passagier leiden könnte. Wir sind nicht ausgebildet und somit auch nicht zertifiziert, um Diagnosen zu stellen. An Bord nutzen unsere Seniors deshalb ein Tablet ähnliches Gerät, welches ermöglicht, orts-und zeitunabhängig Kontakt mit einem spezialisierten Ärztezentrum aufzunehmen. Mithilfe der integrierten Kamera kann der visuelle Zustand des Passagiers erfasst werden. Herzfrequenz, Blutdruck und Körpertemperatur lassen sich ebenfalls messen. Alle erfassten Daten werden direkt an das Ärztezentrum übermittelt. Eine Entscheidung wird somit nie von der Crew alleine getroffen.

Mit dem richtigen Beat im Ohr klappts

Während der medizinischen Ausbildung werden wir auch mit CPR (dt. Herz-Lungen-Wiederbelebung) vertraut gemacht. Gut, ich muss zugeben; so ganz neu ist das für mich nun auch wieder nicht. Umso mehr erstaunt bin ich, als bei der Frage, ob jemand bereits Kenntnisse in CPR hat, meine Hand als Einzige erhoben ist.

Bei einem Kreislaufstillstand ist es unerlässlich, ohne Zögern und schnell zu handeln. Denn bereits nach drei Minuten wird das Gehirn nicht mehr mit genügend Sauerstoff versorgt. Mit der Herzdruckmassage kann der verbliebene Sauerstoff im Blut zirkulieren und so bis zum Eintreffen von fachlicher Hilfe die Überlebenswahrscheinlichkeit mehr als doppelt erhöhen. Ihad meint dazu:

«Du brauchst prinzipiell nur zwei Dinge, um möglicherweise Leben zu retten; Die Bereitschaft, den Brustkorb einer Person mehrere Zentimeter einzudrücken und den Beat des Disco Hits „Stayin‘ Alive“ im Ohr.»

Denn mit 103 Schlägen pro Minute entspricht der Song von den Bee Gees der empfohlenen Taktfrequenz für die Herzdruckmassage und ist wegen seiner Bekanntheit und dem passenden Titel gut als Merkhilfe geeignet. Es lohnt sich also, dass nächste Mal bei diesem Song das Radio ein bisschen lauter zu stellen und etwas genauer hinzuhören. Mitsingen erlaubt 😉

 

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